Aufklaren. plötzlich

 

hinter maßlos müden Augen brauen

Wolken sich zusammen

kondensiert diffuse Sättigung

plötzlich zu klarsichtigen Tränen

 

sie bewässern zögerlich

das innen Abgestorbene

aus schwer wird Mut

am dürren Horizont

 

ein Regenbogen

(©IW, 2022)

Es streichelt...

 

der Mai

wieder Haut und Haar

wirft launigen Drosseln den Brautstrauß zu

ihr weicher Gesang kleidet Nester aus

seidig

schimmert der Wald durch die Zweige

wie dünn er ist

viel jünger als neulich

wo Braunes noch grau war.

 

Aufbruch liegt in der Luft

Zerbrechlichkeit auch

schon morgens verdorren die Tage

ein Samenkorn spannt seinen Schirm

auf und davon

der Regen fällt

auch heute nicht hier.

(©IW, 2022)


Gehör finden

 

Nebel senkt sein blasses Haupt

tastet blickdicht Oberflächlichkeiten ab

trübe formt er heute

auf der Außenglätte stummer Häute

stammabwärts staunenswerte Ornamente

filigrane Signaturen

einer schöpferischen Hand.

 

Hoch oben schneiden Astgabeln

die dicke Luft entzwei

ihr Gerippe sticht an lichten Tagen

dem Himmel längst die Augen aus

oh horch

auf das Wimmern dort unten

wo das zu früh vergilbte Haar

des Farns sich krümmt vor Gram.

 

Wir brauchen kein Ohr um zu hören

was rastlose Blicke vermeiden zu seh'n

selbst dann wenn der Nebel sich hebt.

(©IW, 2021)

Kreidezeit

 

und dann

aus heiterem Himmel

fallen verwelkte Tage herab

heiser knistern sie auf dem Grund

kullern raschelnd und wirr umher

eine Esche zählt stolz ihre Ringe

raspelt Süßholz im wiegenden Winde

in einer Rinde verwittert

schon lang Freyas Herz

 

zu ihren Füßen dreht sich

kaukasisch der Kreis

kreidet Grenzen an

kreist eitlen Schwindel ein

zu schön gekleidet

um wahr zu sein

Oktoberschicht für Schicht

spricht irgendwann

ob sie will oder nicht

über das was bleibt

 

 und dann

(©IW, 2021)


am zweischneidigen Fluss

 

Ihre Arie anstimmen

taufrisch

sie steigen lassen

vom anderen Ufer aus

wo echtes Mädesüß grazil

dem Lächeln der Klänge lauscht

sich berauschen am offenen Haar

taumelnde Bienen in bauschigen Hosen

kämmen es sonnig im Rhythmus der Strophen

eine Bachstelze liebt es barock

zupft Saiten am Rock einer Dame

die Seiten am zweischneidigen Fluss:

vollkommen

uneins.

(©IW, 2021)

 

 

Abendrot

 

Nun streicht sie das Rot aus dem Abend,

ihr Nachtvogel singt letzte Krumen

aus sprachloser Hand,

verhungert am täglichen Arm,

der ausgestreckt dünner und dünner

hinter dem Rücken der Berge

das Dein

aus der Grußform

ganz leise

entfernt.

(©IW, 2021)


Sturmtief

 

Mich doch besinnen, vom breiten Weg zu stürzen,

von diesem stolperfreien Asphalt aus, wo man wie jeden Tag flaniert,

mit leichter Hand die Buchstaben planiert,

das Alphabet bequem in Gucci-Taschen mit sich führt.

 

Mich stürzen zu den Fischen

unterm Moos der Nacht,

wo Schuppen weise von den Augen fallen,

erleben, wie der Atem Knospen trägt

und manche Stunde in den Kiemen nicht zu Teer verklebt.

 

Verschwimmen mit dem Wald aus Tang,

in dem der Mond versteinert

sich verkriechen wird,

wenn wir den Sturm nicht stillen,

den wir selbst gebären, Tag für Tag.

(©IW, 2020)

Lauf der Zeit (Fotografie)
Lauf der Zeit (Fotografie)

Die Windsbraut. Ein Gemälde.

 

Setzte sich heute der Wind zu ihr

sie striche Wolken

behutsam aus seiner Stirn

und hinge an seinen Lippen

eine Weile lang

ohne lange Weile

wenn er erzählte vom Unbekannten

von all den Phänomenen da und dort

dann verstummte die Hektik der Gräser

sowie die Gaukler und Schwindler

ihre verlogenen Faxen vergäßen

weil das Publikum fehlt das gekaufte

die Claqueure für alle Narzissten

wir sprächen nicht nur über Freiheit

verkörperten sie einfach ganz und gar

wie jeder Windstoß

so selbstverständlich

erfrischend unser Haupt zerzaust.

(©IW, 2020)

die Baumgrenze

 

Verstiegen

hab' ich mich zu oft

in euren kargen Hängen

Enthusiasmus ausgesät

an fahlem Blick vorbei

weit über Baumgrenzen hinaus

gegriffen und vergangen

an mir selbst.

 

In eurem Blickfeld

brachliegen die Mulden

hier kauert Nebel

heften Schwaden sich

an Fersen fest wie Kletten;

und irgendwo dort

verliert sich der Weg

die Tage gleiten ins Abseits

ich wandere fort

vom Grauen

ins Blaue hinein

allein.

(©IW, 2020)

über.Forderung am Redefluss

 

Die Geister scheiden sich

am Redefluss

schießt Un ins Kraut

Unsägliches schwemmt

gnadenlos heran.

 

Der Sonnentau reißt gierig

Mäuler auf, es übertreten

Schattenreize seine Schwelle

unvermittelt kondensiert

die Ohnmacht

in entsetzten Augen.

 

Derweil das Schilf

sich seine Hände

leise knisternd wäscht

in lauter Un

-

Schuld?

(©IW, 2020)


Jetzt (Fotografie)
Jetzt (Fotografie)

 

 

Jetzt

 

Wie gerne

wäre es Sommer

geblieben

sind Krähen zuhauf

sie brechen ihr schwarzes Gezänk

vom Zaun und

Windbäume wabern von Norden heran

verbiegen ihr Rückgrat wie Greise

ein Acker zieht Furchen ins Jetzt

es bietet Erkalten

die Stirn

solange

es geht.

(©IW, 2019)


Mauerblümchen (Fotomontage)
Mauerblümchen (Fotomontage)

das Mauerblümchen

 

Im Angesicht der Finsternis

versteinert ungerührt Geborgenheit

bis zur Unkenntlichkeit

umnachten Lippenblütler auch bei Tag.

 

Doch hinter seiner rauen Schale

regt sich

in einem Spalt aus Licht

Gespür

sagt sich das Mauerblümchen los

von seiner Traumhaft

spricht von nun an traumhaft

ganz für sich allein.

(©IW, 2019)

behütet (mixed media)
behütet (mixed media)

Frühlingsgefühle (Fotomontage)
Frühlingsgefühle (Fotomontage)

Frühling im Kopf

 

In deinen Faltentälern

hält sich der Nebel bedeckt

früh morgens

sticht jeder Lichtstrahl im Ungelenk

die Geier gieren nach Beute

doch heute

gehen sie leer aus

deinen Augen hebt sich der Tag

sprießt lindgrün das Neue und

unter dem Herbstwind

verstecken die Lerchen ihr Nest

der Gesang verdreht

meinem Flusslauf den Kopf

wir staunen uns jung

von der Mündung hinauf

bis zur Quelle.

(©IW, 2019)

Frühling im Kopf (Fotomontage)
Frühling im Kopf (Fotomontage)

 

 

Weigelie

 

Eine Weigelie blüht

in meinem Garten Eden

sie darf nicht

in den Himmel(n) wachsen

mahnt ihr beharrlich

Jahr für Jahr.

 

Ich schneide sie zurück

beschneide mich

es ist wie sterben.

(©IW, 2019)

Das Leben ist bunt. (new media)
Das Leben ist bunt. (new media)

Zugvögel (Fotografie)
Zugvögel (Fotografie)

ungestillt

 

Am Meerbusen

brachliegen Boote im Tang

gestrichen die Segel

die Kiele noch nicht

ungestillt

klopfen die Seile am Mast.

 

Der Wind hat gedreht

an den Dünen

streut Sand in die Augen

der letzten Verträumten

das Seegras fügt sich gebeugt

seiner Strenge.

 

Ein Paar in der Ferne

wirft Lachen

den Möwen zum Fraß vor

und während sie zanken

treibt Tatendrang Kraniche

vor sich her fort von hier.

 

Ihr flirrender Ruf vibriert

in verkrusteten Adern

die Herztür fliegt auf und

wo ist mein Süden?

(©IW, 2019)


 

 

ohne Worte

 

Aus allen Wolken gefallen

gebärden sich Schneeflocken

im Wind

erzählen in jeder Sprache und keiner

voll fraktaler Schönheit

von ihrer Nähe zu mir

von Tango und Rumba in meinem Arm

kein Tänzer senkt und erhebt sich

so mühelos über die Schwerkraft

ich reiche ihnen die Hand

(ver)führe mit meiner Wärme

bis sie auf mir weinen

um uns.

(©IW, 2019)

das blaue Kleid (mixed media)
das blaue Kleid (mixed media)

Sedimente (new media)
Sedimente (new media)

Altlasten

 

Hinter jedem Wortstamm gräbt sie nach Trüffeln

dann ist der Nährboden aufgewühlt - sie auch

fruchtbar hätte er sein können doch

alt lastet ein Bodensatz unter der Hörschwelle

er verdichtet sich selbstredend

zudecken ist leichter als zugeben

Vogel Strauß macht Politik zunichte und

unter diesem Druck verhärtet sich das Leben

bildet nicht viel mehr

als Sedimente.

 

Nach Trüffeln gräbt sie weiterhin

und erntet Ammoniten.

(©IW, 2018)

 

 

 

 

 


auf der Kippe

 

ziellos und gelangweilt

trödelt eine matte Brise

durch lichtgesättigtes Gelb

Weizenähren wiegen träge wippend

ihre Reife gegeneinander ab

der Bach tänzelt nicht mehr

reglos döst sein Bett

liebestolle Grillen raspeln schamlos

ihre dürren Beine um die Wette

der Lähmung zum Trotz

aus verdorrten Kehlen

nirgends ein Laut

als stünde die Zeit

doch still

ein Antippen nur

und der hohe Sommer kippt in den Herbst

(©IW, 2017)

 

 

 

wildes Land (new media)
wildes Land (new media)

Mais (Fotografie, überarbeitet)
Mais (Fotografie, überarbeitet)

Afrika

 

Nacht brandet gegen deine Stirn und meine

ihre Gischt erbricht dort unaufhaltsam

die einzige Laterne bewirft uns

schein-heilig

durch Lamellen der Jalousie

Zebrastreifen aus Licht und Schatten

häuten unsere Körper wegweisend

schneiden sie in Scheiben

Zebras streifen unterdessen

durch dich und deine Träume

körperlos frei - so gern

wolltest du einmal

nach Afrika

(©IW, 2018)

 

 

 


das Gastmahl


Stählern bittet der See zu Tisch
auf Messers Schneide serviert er
Sahnewölkchen in Kristallschalen
artig nickt das Schilf
sie ab beflissen auch
der Wind haucht seine Seele aus
und krümmt der Perfektion
kein Haar mehr.


Zwischen den feinen
G(e)ästen ohne Unterleib
hängt mein Lächeln
am seidenen Faden
Netze aus Konsens
werden ausgeworfen
um es einzufangen doch
unter der Fassung des Aquamarins
suhlen sich meine Molche
im schlammigen BioTaupe.
(©IW, 2018)

 

 

 

Haus am See (Fotografie, überarbeitet)
Haus am See (Fotografie, überarbeitet)

zündende Idee (new media)
zündende Idee (new media)

Pulsare


In einem stillen Arm
der Milchstraße sprachen sich zwei
freimutig aufeinander zu
mit dem wundersamenden Ziel
sich zusammenzuschweigen
als Erlösung von Gesetz-Mäßigkeiten
jenseits aller Gravitation oder Fliehkraft.


Notgedrungen
schwiegen sie schließlich
auseinander
nicht weil es nichts
zu sagen gäbe
sondern zu viel.


Worte sterben manchmal
als Supernova
ihre universelle Energie aber bleibt
ein ewiges Pulsieren.
(©IW, 2018)

 

 

 


Mama Ätnas Übelkeit


Sie werfen sich Kopf über
Bord wollen überbordend
mehr als bloß
Meer Enge sein
bei Gibraltar und östlich
schwimmt Afrikas Scholle nordwärts
ihre Wiege schaukelte einst unsere Kinder
nun kentert sie vor 'Mama Ätnas' Füßen
erschüttert übergibt die sich
und Sizilien Neuland
vernichtend und fruchtbar zugleich.
(©IW, 2018)

Magmastrom (new media)
Magmastrom (new media)