Il n'y a pas d'amour heureux.

 

Während sie so dasitzt, laut denkt und Fragen stellt, höre ich meinen eigenen Antworten zu, den immer gleichen, als hätte eine ihrer vielen Schallplatten eine Fissur.

Früher hörte sie gern Schubert: "Die Winterreise", "Der Tod und das Mädchen" und andere Streichquartette, sein Streichquintett in C-Dur, nicht zu vergessen die Sinfonien, vor allem "Die Unvollendete" in h-Moll. Jetzt vollende ich oft ihre Sätze.

Können auch Worte mit der Zeit einen Sprung bekommen, sodass die Tonnadel der Gedanken daran hängen bleibt? Wieder und wieder....nicht darüber hinwegkommt? Ich bin schon ganz taub von dieser kreiselnden Rille, obwohl ich längst viel besser höre als sie.

Niemand kann etwas dafür. Wir beide lieben Musik gleichermaßen. Zu selten musizierten wir gemeinsam, sie auf der Geige, ich am Klavier. Wenn, dann am liebsten Bach.

Für ihren Abschied wünscht sie sich Georges Brassens: "Il n'y a pas d'amour heureux."

 

(©IW, 2022)

Altbau

 

Ich schrecke hoch.

Es dürfte wohl so gegen 6 Uhr sein, genau weiß ich es nicht.

Hatte es geklingelt?

Ich tappe durch den langen, schmalen Flur der Altbauwohnung, greife zum Hörer der Gegensprechanlage des 5-stöckigen Hauses und wähle die Nummer der Concierge.

"Ja, bitte?" - Ich zucke zusammen.

Am anderen Ende eine mir vertraute Frauenstimme, es ist die meiner verstorbenen Tante.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie schlecht diese mit dem Rollstuhl zurechtkam; nach ihrer alles verändernden Operation.

"Gila, bist du es? Was machst du hier in der Leitung?!"

"Mein Bett ist ganz nass. Schon wieder! Ich glaube, es geht allmählich kaputt."

Kurze Pause. Verwirrung.

Um Fassung bemüht, antworte ich: "Oh weh, das tut mir leid." Meine Stimme zittert kaum wahrnehmbar, als ich fortfahre:

"Es ist einfach nicht möglich, dass wir gerade telefonieren. Ich nutze die Haussprechanlage, vermutlich kann sogar jeder Passant auf der Straße mithören. Es ist besser, wir legen auf. Soll ich runterkommen? Kann ich dir irgendwie helfen?"

 

Schweigen.

 

(©IW, 2022)

Dienstag

 

11:52  Was essen wir morgen?

            Draußen tickt der Regen monoton gegen das Gehäuse.

             Dicke Bohnen mit Speck, die du so liebst.

 

11:53  Was essen wir eigentlich morgen?

            Im Kühlschrank: Dein Autoschlüssel neben den Bohnen.

             Ich hänge ihn zurück ans Schlüsselbrett in der Diele.

 

Es ist fünf vor 12.

Du solltest nicht mehr Auto fahren.

Warum das denn?

Heute werde ich nicht laut. Manchmal schon, und schäme mich dafür.

 

Übrigens: Morgen gibt es dicke Bohnen mit Speck.

Die liebst du doch so.

(©IW, 2021)

am Strand (new media)
am Strand (new media)

 

 

am hellichten Tag

 

Bei Licht besehen schwingt heute ihr Strandkleid vor dem Meeresspiegel heller als der Sand, selbstvergessen, wolkenlos, ohne Scham und Schuld.

Ideen wellen radschlagend, purzeln Bäume hinter ihrer Stirn.

Auf kecken Zehenspitzen tänzelt sie mit der Gezeitenbrise klargesichtig vor ihnen her, behänder als ein Sprung der Flut.

Diese Mondanziehung, an ihr Land gespült aus einer so entfernten Welt, überschwemmt sie diesmal nicht.

(©IW, 2020)

ent.wurzel.t (mixed media)
ent.wurzel.t (mixed media)

die Müdigkeit des Mondes


Müde schleift der Mond über die Laternen der
Landstraße, die jede Nacht versuchen, ihm
Konkurrenz zu machen; wenn nicht vandalisierende Jugendliche sie mutwillig ausgetreten haben. Wobei Wille zum Mut konstruktivere Wege gehen könnte auf der Suche nach Sinn.
Der Mond weiß das, schaut schon lang zu, ohnmächtig, daher die Müdigkeit.
Heute machen ihm die Wassermoleküle der
Erdatmosphäre den Hof, von der er sich jedes Jahr fast vier Zentimeter entfernt. Vielleicht ist das gut so. Die Menschen waren schließlich auch schon zu Besuch und haben ihm kaum anderes gebracht als Schrott.

Bald ist der Mars an der Reihe. Dabei gäbe
es zuhause so viel aufzuräumen.
Müde schleift sich der Mond ab über dem Horizont.
Hybris ist seine Sache nicht.
(©IW, 2017)

 

 

 

steinig (Fotografie)
steinig (Fotografie)

 

 

 

 

Der Stein und das Mädchen

 

Bei einem Sonntagsspaziergang verliert ein Mädchen abseits des Weges ihr Herz an einen Stein. Behutsam nach Hause getragen, beschwert er ihre Tasche, doch sie sich nicht.

An den folgenden Tagen lässt sie ihn in ihrem Zimmer sanft durch ihre Finger gleiten, als wolle ihre Zärtlichkeit ihm seine Härte nehmen.

Als der Vater plötzlich vom Türrahmen aus in den Raum stellt, was das solle, verbrennt ihr Gesicht in Sekundenschnelle.

Der Stein zeigt sich ungerührt, die Türschwelle auch.

Von nun an wird sie ihn nachts streicheln, wenn es niemand sieht.

(©IW, 2018)

Es gab Zeiten

 

da hörte ich dein Haar wachsen,

am anderen Ende der Stadt.

 

Ich ertappe mich dabei, dass ich den Bus nehme in deine Richtung, nur um im Vorbeifahren nach dir zu sehen,

wie du auf dem Balkon dem Sommerabend ein Schlaflied summst.

Du ahnst nicht, dass ich unten hinter meiner Scheibe lausche. Deine Melodie fällt mir sanft in den Schoß,

so wie damals dein Haar, das zart duftete, wenn es sich unter meinen Händen kringelte vor Lachen.

Es gab Zeiten, da lachte alles an dir - unmöglich, sich dagegen zu wehren.

 

Ich weiß, wie du dein Haar trägst, heute......,

aber ich verrate es dir nicht.

(©IW, 2019)

Es gab Zeiten... (Fotomontage)
Es gab Zeiten... (Fotomontage)

fließen (Fotografie)
fließen (Fotografie)

 

nach der Flut


Für einige Stunden hat sich das Meer so weit zurückgezogen, bis es nur noch eine schmale Linie auf der X-Achse bildet und es unmöglich scheint zu glauben, es kehre jemals zurück. Verschnaufpause für die Sandkörner im unerbittlichen Prozess des Zerriebenwerdens. Offenherzig ahmen sie jetzt die Wellen nach, die sie eben noch rastlos um und um spülten.
Muschelhälften säumen ein Schaumkleid, auf den Strand gestickt, das in der Sonne schillert wie bunte Pailletten. Staunende Kinderhände machen es zu wertvollem Geschmeide und geduldige Eltern zu gekrönten Häuptern. Sie leben in Sandburgen und verraten nicht, dass der Sand zwischen den Fingern ihrer Kinder ebenso zerrinnen wird wie die Zeit, die auch die Muscheln in leere Hälften teilte. Nach der Flut wird kein Sandkorn mehr dort liegen wie zuvor.
(©IW, 2017)

 

 

künstliche Intelligenz (new media)
künstliche Intelligenz (new media)

schwerwiegend


In ihren Beinen haben sich Schwermetalle des
Denkens abgesetzt. Sie reichen schon bis zum Knie.
Höhenflüge gelingen daher nur auf Kurzstrecke, vom
Sessel bis zum Kühlschrank.
Zurück wälzt sie den Gedanken, wie viel Strom der
wohl frisst, jetzt da er auch sprechen und dem Herd
sagen kann, was er kochen soll. Atmen ist eh
Klimasünde - zu viel CO2-Ausstoß. Die Meere sind
'sauer', dass man ihnen das zumutet. Verständlich.
Leichtigkeit des Seins geht wohl nur ohne Wissen,
denkt sie und dabei scheppern Cadmium, Blei,
Quecksilber und Thallium in ihren Waden. Bald wird
sie Krücken brauchen, natürlich vernetzte, die ihr
auch das Denken abnehmen, dann wird alles leichter.
(©IW, 2017)

 

 

 

 


der Nachen des Charon (new media)
der Nachen des Charon (new media)

Wiegenlied


Sag, willst du mit mir schlafen?
Finde in all meinen Taschen und Kisten keinen Grund
mehr. Habe sie durchwühlt, wieder und wieder nur nichts.

Dies wäre einer:
Mit dir den Boden unter den Füßen verlieren,
gemeinsam schweben - für einen Moment oder mehr.
Die tägliche Bodenlosigkeit bekäme so

endlich eine Berechtigung.

Wie kann man laufen ohne Grund,

grundlos über dem Abgrund!

Mein Wollen, das einst trug wie eine Brücke,

stürzte mit der Zeit dort hinein. Willst du mit
mir schlafen? Bin mondsüchtig, übernächtigt.
Lass uns singen, meine Geliebte....ein Wiegenlied.
(©IW, 2017)

 

 

 

auf dünnem Eis (mixed media)
auf dünnem Eis (mixed media)

 

auf dünnem Eis


Stahlkugeln rissen an ihren Knöcheln. Sie hatte sie
nicht geschmiedet. Schleichend waren sie an ihr
festgewachsen, so dass sie morgens nur noch
schwer aus dem Bett fand.
Jeder Versuch, sie unter weiten Hosenbeinen zu
verstecken, schien die stählerne Last zu verdoppeln.
Sisyphus mühte sich nicht weniger.
Jeder Schritt ein Wagnis. Das Eis könnte brechen,
das sie zwischen sich und ihre Wahrheit geschoben hatte.
Würde sie in ihr versinken, verlöre sie nicht

sich selbst sondern die Welt.
(©IW, 2017)


freier Wille


Jeden Morgen neu wird ihr das Leben vor die Tür gestellt, mit einer roten Schleife, hübsch als Geschenk verpackt. Wenn sie es öffnet, enthält es nichts als leere Versprechungen.
Die größte von allen ist der freie Wille.
Hirnforscher belegen: bloß eine Illusion, die dem versklavten Ich vorgaukelt, es wäre frei, um es bei Laune zu halten. Damit es die Wahrheit nicht sieht: friss oder stirb!
Ihr ist schon kotzübel von all dem Fressen.
Was, wenn sie beschlösse, nicht mehr zu atmen, zu schlafen?
Was, wenn sie beschlösse, nicht mehr zu essen, zu trinken?
Sie wird die Mogelpackung zurückgeben, um endlich frei

zu sein von diesem Zwang zu leben!
(©IW, 2017)

 

 

 

das Geschenk (new media)
das Geschenk (new media)

im Eimer (Fotografie)
im Eimer (Fotografie)

im Eimer


Irgendwann hatte sie aufgehört, ihre Ehejahre zu zählen.
Seit einer Weile schon kam alle paar Monate ein Jahr hinzu,
so sehr hatte sich die Zeit beschleunigt.
Immer öfter ertappte sie sich dabei, wie sie Franz stumm beobachtete, ohne dass er es bemerkte.
Wie konnte sie übersehen haben,

dass er einem löchrigen Eimer glich?
Füllte sie Liebes hinein, floss es gleich wieder unten heraus.
Sie würde morgen in den Baumarkt fahren

und Spezialkleber besorgen.
„Auf die Beratung dort ist immer Verlass“,

hatte Franz oft betont.
(©IW, 2017)


 

 

 

Raumzeitkrümmung

 

Verspätet wirft das letzte Licht der Jahre verlängerte Schatten unter ihre Augen.

Ihr Rücken ertrug viel, verweigert sich noch sich zu krümmen, wie die Raumzeit das längst tut (seit Einstein weiß das jedes Kind). Inzwischen tragen die Päckchen andere für sie. Verschämt, dankbar auch, huscht dann ein Lächeln durch ihre Augen, die sich schneller als früher der Schläfrigkeit überlassen. Wach ist sie vor allem nachts, als gelte es, dem Schlaf zu entfliehen.

In der Dunkelheit denkt sie an die dunkle Zeit und an das Danach, das es vermutlich nicht gibt.

Im Winter beschwert sich immer ihr Ischias.

(©IW, 2018)